Keine Schweizer Lösung kann Erasmus+ ersetzen

Interview mit Yves Flückiger, Präsident der Delegation für Internationale Beziehungen von swissuniversities, Rektor der Universität Genf.

In seiner Botschaft schlägt der Bundesrat Ende April vor, die internationale Mobilität in der Bildung auch in den Jahren 2018-2020 über eine Schweizer Lösung zu fördern, die aktuelle Übergangslösung wird also verlängert. Der Bundesrat hat die Gespräche mit der Europäischen Kommission über die erneute Assoziierung am Folgeprogramm von Erasmus+ aufgenommen.

Hat die Übergangslösung den Hochschulen ermöglicht, ein Austauschprogramm ins Leben zu rufen, das Erasmus+ ebenbürtig ist?

Yves Flückiger: Die Übergangslösung hat den Studierendenaustausch stabilisiert. Quantitativ blieb der Studierendenaustausch in den letzten Jahren gleich, qualitativ hingegen nicht.

Nach dem Ausschluss der Schweiz von Erasmus+ war die Solidarität zwischen den Hochschulen sehr gross und viele haben uns ihre Unterstützung ausgedrückt. Mit der Übergangslösung, dem «Swiss-European Mobility Programme» (SEMP), bot der Bundesrat unseren Partnern einen einfachen Ersatz für Erasmus+. Doch haben nicht alle diese Lösung akzeptiert, was die Hochschulen zu komplexen Verhandlungen zwang. Einige davon  scheiterten. So konnten zum Beispiel die ETHZ wie auch die Universität Genf die Abkommen mit der Universität Cambridge nicht erneuern oder abschliessen, da diese renommierte Universität aufgrund ihrer Statuten keine Verträge im Rahmen der zeitlich befristeten Lösung der Schweiz unterschreiben kann.

Zudem und trotz erheblichem administrativem Aufwand – über 400 bzw. 500 Abkommen wurden im Rahmen der Übergangslösung von der Universität Zürich und der Universität Genf neu ausgehandelt – haben wir mit der heutigen Lösung nur zu einem Teil des Angebots von Erasmus+ Zugang.  Von den beiden anderen Programmbereichen, den Kooperationsprojekten – dazu gehören die strategischen Partnerschaften und die « Knowledge Alliances », die innovative Entwicklungsprojekte fördern und gemeinsam von den Hochschulen und den Unternehmen getragen werden – wie auch von der Teilnahme an den politischen Reformprojekten in der allgemeinen und beruflichen Bildung sind wir ausgeschlossen.

Analog zu den Restriktionen aufgrund der nur teilweisen Assoziierung an Horizon 2020, können die Hochschulen mit der Übergangslösung keine Kooperationsprojekte leiten. Zudem zählen sie nicht als vollwertiges Mitglied und ihre Studierenden sind nicht zu einer finanziellen Unterstützung berechtigt. Mehrere Institutionen mussten deshalb die Führung von gemeinsamen Projekten abgeben, sei dies im Bereich der geographischen Modellierung oder der Ausbildung im Gesundheitsbereich. Schliesslich haben der mittelfristige Mangel an Sichtbarkeit und die mit der Übergangslösung verbundene Unsicherheit dazu geführt, dass in der Schweiz keine innovativen Projekte mehr entwickelt wurden.

Man assoziiert Erasmus+ oft mit Yoga- oder Waterpolo-Kursen und denkt an das Bild, das uns der Film « L’auberge espagnole » vermittelt hat. Teilen Sie diese Sicht?

Yves Flückiger: Erasmus+ verfügt über ein Gesamtbudget von 14.7 Milliarden Euro. 82.9% davon wird für die allgemeine und berufliche Bildung verwendet. Nur gerade 1.8% von diesem Geld kommt dem Sport zu. Erasmus+ ist also weit von Yoga- und Waterpolo-Kursen entfernt!

Erasmus+ ist ein anspruchsvolles und umfassendes Programm, das viele Angebote enthält, die teilweise nur wenig bekannt sind. Als Beispiel kann man den gemeinsamen Master „Erasmus Mundus“ erwähnen. Dabei handelt es sich um ein internationales Studienprogramm von hohem Niveau, das von verschiedenen Hochschulen gemeinsam angeboten wird und Stipendien an begabte Studierende verleiht. Oder das Projekt EuroAquae+, an dem die ETH Lausanne beteiligt ist, vereint Studierende aus Grossbritannien, Deutschland, China, Singapur, Brasilien oder Indien im Zusammenhang mit dem Thema Wasser.

Die jüngsten Studien zu den Auswirkungen des Programms Erasmus+ zeigen, dass ein Auslandaufenthalt die Chancen der Studienabgänger auf dem Arbeitsmarkt erhöht, insbesondere dank neuen transversalen Kompetenzen: Fähigkeit zur Problemlösung, Entschlussfähigkeit, Selbstvertrauen, Neugierde auf neue Herausforderungen. Fünf Jahre nach Diplomabschluss liegt die Arbeitslosenquote junger Menschen, die einen Auslandaufenthalt gemacht haben, im Vergleich zu anderen Diplomierten im Schnitt 23 % tiefer.

Ist die Mobilität wichtig für die Studierenden? Und warum ist Erasmus+ wichtig für die Schweizer Hochschulen?

Yves Flückiger: Laut dem Bundesamt für Statistik plante 2013 eine Mehrheit der Studierenden (57%) einen Auslandaufenthalt. Die Mehrheit der Mobilitätsstudierenden waren mit Erasmus oder einem anderen EU-Programm im Ausland. Die fünf häufigsten Destinationen – sie machen die Hälfte aller Austauschaufenthalte aus – sind Deutschland, Frankreich, USA, Grossbritannien und Spanien. In 30 Jahren haben über 90‘000 Personen in der Schweiz (Studierende und Lehrpersonen) am Erasmus-Programm teilgenommen.

Mit der aktuellen Lösung profitieren unsere Studierenden nicht von den jüngsten Weiterentwicklungen des Programms, zum Beispiel von der finanziellen Unterstützung für die Förderung der aussereuropäischen Mobilität. In diesem Punkt sind unsere europäischen Partner attraktiver, da sie auch Stipendien anbieten. 2015 hat Erasmus+ insgesamt 110 Millionen Euro dafür investiert, mehr als 28 000 Studierende nahmen daran teil. Natürlich haben auch unsere Hochschulen ihre aussereuropäischen Zusammenarbeiten verstärkt, jedoch ohne von europäischer Finanzierung profitieren zu können. Fazit: Im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn, die ihre Aktivitäten ständig erweitern können, stagniert das Mobilitätsangebot der Schweiz.

Erasmus+ hat in den letzten Jahren zudem Online-Angebote entwickelt wie zum Beispiel gratis Sprachkurse, Webportale, um die Administration im Zusammenhang mit dem Studierendenaustausch zu verwalten und die Kommunikation zwischen den Hochschulen zu erleichtern, Datenbanken und  weitere gemeinsame Plattformen oder Netzwerke. Unsere Hochschulen haben keinen Zugang zu diesen Tools und können gezwungen sein, eigene Werkzeuge zu entwickeln, die nur Kopien des europäischen Vorbilds sind und deren langfristige Kompatibilität nicht gewährt ist.

Was meinen Sie zur Botschaft des Bundesrats zur Förderung der internationalen Mobilität in der Bildung?

Yves Flückiger: Die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit der europäischen Kommission betreffend einer erneuten Assoziierung an das Nachfolgeprogramm zu Erasmus+ ist eine sehr gute Neuigkeit. swissuniversities hatte dies übrigens in einem Plädoyer Mitte März so gewünscht.

Aufgrund der hohen Bedeutung der Mobilität und der Grenzen der Schweizer Lösung, plädieren die Hochschulen für eine erneute Vollassoziierung ans nächste EU-Rahmenprogramm für die allgemeine und berufliche Bildung. Wir hätten uns natürlich gewünscht, dass wir bereits vor 2021 dabei sein können, doch müssen wir pragmatisch sein.

Die Übergangslösung war zuerst für die Jahre 2014 bis 2016 geplant, sie wurde dann für 2017 und nun bis 2020 verlängert. Erasmus feiert dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen und entwickelt viele neue Angebote. Wir bedauern es sehr, dass die Schweiz mit der Zuteilung zur „Region 5“ – dort dabei sind auch Andorra, Monaco, San Marino und der Vatikan – vorliebnehmen muss.

Gewisse Partner – insbesondere die renommiertesten – anerkennen die Schweizer Lösung nicht und weigern sich, Abkommen zu erneuern oder reduzieren die Anzahl Plätze für Schweizer Studierende. Diese Situation hat für unsere Studierenden direkte Folgen. Sie müssen andere Destinationen auswählen oder verpassen deshalb gar die einmalige Gelegenheit, während ihrem Studium einen Auslandaufenthalt zu machen. Ich möchte dies mit der Metapher des Generalabonnements erläutern: Bis 2014 hatten die Studierenden ein GA für den Studierendenaustausch. Nun müssen wir Schlange stehen und jedes Billet einzeln kaufen. Wir riskieren, dass unseren europäischen Partnern langfristig die Geduld ausgeht mit uns spezielle Verträge auszuhandeln. Wenn unsere Hochschulen mit anderen Top-Universitäten nicht mehr zusammenarbeiten können, verlieren wir nach und nach an Sichtbarkeit.

Es ist deshalb für die Hochschulen wichtig, dass eine Lösung gefunden wird, die nicht nur das Entstehen innovativer Projekte fördert, sondern die auch die erneute Vollassoziierung der Schweiz ans Nachfolgeprogramm zu Erasmus+ ab 2021 garantiert. Eine Schweizer Lösung wird kein solch kompetitives und vollständiges Programm wie Erasmus+ bieten können. Es geht darum, die Exzellenz und Attraktivität des Bildungsplatzes Schweiz zu sichern, indem die akademische Verankerung in Europa beibehalten und weiter ausgebaut wird.

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